Karlsbad (Karlovy Vary), der größte und bekannteste Kurort Tschechiens, ist nur eine Stunde entfernt von Marienbad und wird derzeit gerade von jüngeren Gästen auf TikTok oder Insta gehypt. Die Stadt liegt malerisch in einem grünen Tal, durch das sich der Fluss Teplá schlängelt. Auch wenn Karlsbad im Vergleich zu Marienbad glamouröser ist und größere Hotels hat, hat sich der Kurort seine traditionsreiche Seele bewahrt. Die Stadt ist bekannt für ihre Thermalquellen, das Heilwasser in kleinen Porzellantassen, aber auch für ihren Kräuterlikör Becherovka, die Glasmanufaktur Moser und das Karlsbader Filmfestival, das jedes Jahr Anfang Juli berühmte Stars in die Kurstadt zieht. A propos „Film“, in Karlsbad, das auch für die großen Casinos bekannt ist, wurden unter anderem Szenen des James-Bond-Films „Casino Royale“ gedreht. Als Filmset dienten die prunkvollen Hotels und das nahe denkmalgeschützte Städtchen Loket, das auch als böhmisches Rothenburg bezeichnet wird. Das richtige Setting für George und Ralph Appel scheint es allerdings nicht gewesen zu sein… Augen auf bei der Wahl der Unterkunft!


KARLSBAD, BITTE LANGSAM!
VATER & SOHN UNTERWEGS IN KARLSBAD
Wir reisen als Vater und Sohn in einen Ort, der seit Jahrhunderten vom Innehalten lebt. Unsere Suche? Die Antwort auf die Frage, wie viel Ruhe eigentlich guttut? Ein sehr persönlicher Blick auf Karlsbad im Winter, fernab von Postkarten und Versprechen. Die Idee hinter diesem Trip war erstaunlich simpel: ein paar Tage raus. Abschal-ten. Kein Sightseeing-Marathon, kein Pflichtprogramm. Stattdessen wollten wir beobachten, spüren – jenseits von Hochglanzbroschüren und nostalgischen Versprechen…

ANKOMMEN
Der erste Eindruck unseres Spa Hotels Savoy ist nüchtern. Kein großes Willkommen, eher ein sachliches „Ah, Sie haben reserviert“. Direkt gefolgt von der Bitte, alles im Voraus zu bezahlen. Für ein Fünf-Sterne Hotel ungewöhnlich, aber offenbar Standard hier. Als Ausgleich gibt es ein „Special Double Upgrade“. Was genau daran special ist, bleibt offen. Erklärt wird nichts. In Kurorten lernt man schnell, dass Entspannung manchmal mit Nicht-Nachfragen beginnt.
Das Hotel besteht aus fünf historischen Villen. Die Anlage ist wunderschön. Alt. Würdevoll. Genau so, wie man sich Karlsbad vorstellt. Die Villen sollen unterirdisch miteinander verbunden sein, was leider nicht gezeigt wird. Einen Lageplan bekommen wir nicht. Orientierung ist hier offenbar Teil des Erlebnisses – oder eine stille Prüfung. Unser Zimmer entpuppt sich als groß-zügige Suite mit zwei Räumen, hohen Decken und klassischem Mobiliar. Viel Platz, viel Geschichte. Die Twin-Betten waren von uns ausdrücklich gewünscht und vom Hotel im Vorfeld auch garantiert worden. Die Überraschung liegt also nicht im Konzept, sondern in der Umsetzung: Zwei sehr schmale Einzelbetten (ca. 90 cm breit) in einer ansonsten äußerst geräumigen Suite. Auch die Bettdecken sind entsprechend schmal. Vielleicht sollte das „Double Upgrade“ das ausgleichen – eine stille Annahme.

Das Badezimmer ist groß, klassisch, optisch ein Traum. Funktional allerdings schwierig: Geduscht wird in einer kleinen Badewanne mit sehr niedrigem Spritzschutz. Das Ergebnis: ein „überflutetes” Bad. WLAN ist offiziell vorhanden, praktisch aber Glückssache. Drei Netzwerke, instabile Verbindung. Erst nach mehrfacher Nach-frage kommt ein Techniker mit einem Repeater ins Zimmer. In genau diesem Raum funktioniert das Internet dann gut, im Nebenraum der Suite wieder deutlich schlechter. Im Frühstücksraum setzt sich das Bild fort: Begrüßungen sind Glückssache. Erst nach mehreren Tagen werden wir aktiv wahrgenommen. Das Buffet ist ordentlich, aber über Tage nahezu identisch – für ein Haus dieser Kategorie überraschend eintönig. Das Housekeeping erledigt die Basics. Gläser oder leere Flaschen bleiben jedoch auch mal zwei Tage stehen. Positiv fällt der respektvolle Umgang mit Privatsphäre auf: Hängt das „Bitte nicht stören“-Schild, wird das konsequent akzeptiert. Stattdessen bittet ein Zettel später um Terminabsprache. Vorbildlich. Beim Check-out allerdings keine Nachfrage, kein Feedback, kein Abschied. Für ein Fünf-Sterne-Hotel bemerkenswert – nicht im positiven Sinne.

HIGHLIGHT BIERBADEN
Ein echtes Highlight ist unser Bierbad-Erlebnis: warmes Wasser, Hopfen, dazu frisch gezapftes Bier. Entspannung setzt schnell ein, Müdigkeit folgt zuverlässig. Wichtig zur Einordnung: Die-ses Bierbaden hatte nichts mit dem Hotel Savoy zu tun. Wir hatten den Termin bereits vorab aus Deutschland gebucht.

KARLSBAD IM WINTER: SCHÖN, RUTSCHIG, GUTBÜRGERLICH LECKER!
Karlsbad liegt in einem Tal. Auch massive Höhenunterschiede gehören zum Alltag. Im Winter zeigt sich schnell: Der Ort ist eher auf Sommer eingestellt. Schnee wird oft festgetreten statt geräumt, Eis bleibt liegen. Man arrangiert sich – oder rutscht. Zu Fuß erreicht man vom Hotel
aus in etwa 10–15 Minuten die Innenstadt. In Richtung Becherovka-Museum wirkt die Stadt weniger touristisch, authentischer, echter. Dort be-ginnt der Teil, der überrascht. Wenn Karlsbad eines kann, dann gutbürgerlich. Während Service und Abläufe im Hotel schwächeln, überzeugt die Gastronomie oft auf ganzer Linie.
Plzeňka Carlsbad serviert eines der besten Hähnchenschnitzel, die ich seit Jahren gegessen habe: saftig, geschmackvoll, mit Substanz. Da-zu Knödel, Räucherfleisch, Blaukraut – ehrlich, bodenständig, ohne Show. Dies setzt sich über die gesamte Karte fort.
Goethes Bierhaus punktet mit regionalem Bier und außergewöhnlich gutem Service. Ein Kellner, der erst eine Probierportion bringt, bevor man bestellt, bleibt im Gedächtnis – und setzt Maßstäbe.
La Familia überzeugt mit solider Pizza und einer Schere statt Messer. Klingt kurios, funktioniert aber hervorragend.
Nicht überall bleibt es so positiv: In der Pizza Central sorgen Zusatzkosten und ein sehr ambitioniertes Preisniveau für Ernüchterung – besonders, wenn man weiß, dass es wenige Mi-nuten entfernt deutlich günstiger und mindestens genauso gut geht.

UNSER FAZIT
Abschalten funktioniert hier hervorragend. Vielleicht sogar zu gut. Spätestens ab dem 4. Tag stellt sich eine nachdenkliche Ruhe ein. Karlsbad ist nicht langweilig – es ist konsequent. Es lebt von Wiederholung, Ritualen und Stille. Und genau deshalb ist Karlsbad kein klassisches Städtereiseziel. Es ist ein Kurort. Ein sehr schöner, historischer, gepflegter Kurort. Zwei bis drei Tage sind ideal. Alles darüber hinaus erfordert entweder ein bewusstes Kurprogramm – oder eine hohe Toleranz für Wiederholung. Karlsbad ist ein Ort, den man dosieren sollte. Dann gibt er viel zurück. Zu viel davon – und es wird still. Vielleicht zu still.
TEXT: RALPH APPEL UND GEORG APPEL
Impressionen und Fotos von © Ralph Appel
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