Die Metaphysik des Kühlschranks

Der Kühlschrank ist vielleicht das bescheidenste Denkmal unserer Zeit. Er steht in der Küche, brummt leise vor sich hin und tut so, als habe er mit den großen Fragen dieser Welt nichts zu tun. Doch gerade in dieser Unauffälligkeit liegt seine Größe. Er verspricht, dass Vergänglichkeit aufgeschoben werden kann. Die Erdbeere, die gestern noch der Sonne ausgeliefert war, liegt heute hinter weißem Kunststoff und glaubt für einen Moment an die Unsterblichkeit. Der Kühlschrank ist ein kleiner Tempel gegen das Verderben.

 

Im Supermarkt beginnt die eigentliche Komödie. Dort begegnet der Mensch der großen weiten Welt in Regalen. Mangos aus Peru, Käse aus Frankreich, Tomaten aus den Niederlanden und Tiefkühlpizza mit italienischem Namen stehen nebeneinander, als sei die Erde ein höflich sortierter Kleiderschrank. Die Globalisierung erscheint hier nicht als ab-strakter Prozess, sondern als Sonderangebot: zwei Avocados zum Preis von einer. Man könnte sagen, der Supermarkt ist die begehbare Weltkarte einer Zivilisation, die sich unfassbar gerne den Luxus des Wegschauens leistet. Hey, ich bin doch nur im Supermarkt. Beim Einkaufen. Und mal ehrlich, zwei Avocados zum Preis von einer sind ein unschlagbares Schnäppchen. Rein damit in den Einkaufwagen! Die Anbau-Tragödie, die sich wie ein Faustpfand hinter der reinen Existenz dieser Handelsware verbirgt, bleibt wie vieles andere nicht mitgedacht. Im Supermarkt darf der Mensch sein, nach Herzenslust durch den gut sortierten Laden schlendern und sich einer höheren Ordnung hingeben: Sich regen bringt Segen, denn die günstigen Produkte stehen unten. Ich tue Gutes, denn ohne mich würde die Ware ja weggeschmissen werden. 

 

 

Doch in dieser Ordnung lauert nicht nur Verblendung, sondern auch etwas Lächerliches. Der Mensch, der sich für vernünftig hält, steht minutenlang vor zwanzig Sorten Joghurt und erlebt eine metaphysische Krise in der Kühlabteilung. Soll es der griechische sein, der fettarme, der vegane, der mit Heidelbeere, der mit oder der ohne Kultur, dafür aber mit Protein? Humor entsteht genau dort, wo Wunsch und Suche des Menschen nach einem Sinn mit der Überfülle seiner Möglichkeiten zusammenstoßen. Der Supermarkt lacht nicht laut; hier wird in Barcode-Sprache gelächelt.

 

Weiter geht´s – das dort „Erjagte“ landet im Kühlschrank, der wiederum das private Archiv dieser globalen Verwirrung ist. Was im Supermarkt als Freiheit erscheint, endet zu Hause als zur Hälfte ausgepresste Senftube, vergessene Gurke, dazu ein Glas Pesto, dessen Herkunft niemand mehr kennt. In ihm lagert nicht nur Nahrung, sondern auch Erinnerung, Schuld und Hoffnung. Jede angebrochene Packung erzählt von einem Plan, der nie verwirklicht wurde: gesünder essen, weniger verschwenden, endlich kochen lernen, diesmal wirklich. Globalisierung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Dinge Wege zurücklegen, bevor wir auch nur über sie nachdenken. Sie verbindet Kontinente, Märkte und Geschmäcker, aber sie macht auch sichtbar, wie weit entfernt die Auswirkungen unseres Alltags durchschlagen. Die Paprika hat eine Geschichte, die länger ist als der Kassenbon. Die Banane trägt ein unsichtbares Gepäck aus Arbeit, Klima, Transport und Handel. Im Kühlschrank wird die Geschichte des Lebens kaltgestellt, damit sie länger frisch aussieht.

 

Vielleicht brauchen wir gerade deshalb Humor. Nicht als Flucht vor der Wirklichkeit, sondern als eine Form der Erkenntnis, die sich nicht überschätzt. Wer über den Kühlschrank lacht, lacht nicht nur über vergessene Reste, sondern über die menschliche Hoffnung, Ordnung in ein Universum zu bringen, das ständig schmilzt, gärt oder abläuft. Humor ist die Philosophie des Mindesthaltbarkeitsdatums: Er weiß, dass alles begrenzt ist und macht daraus keinen Skandal, sondern eine Pointe. So betrachtet sind Kühlschränke und Supermärkte keine Banalitäten, sondern Spiegel unserer Zeit. Sie zeigen eine Menschheit, die die Welt verfügbar machen möchte und dabei immer wieder an der eigenen Komik scheitert. Wir wollen alles frisch, billig, exotisch, regional, nachhaltig, sofort und möglichst ohne Widerspruch. Der Kühlschrank brummt dazu sein monotones Mantra: Auch die größte Idee muss irgendwo gelagert werden. Am Ende steht der Mensch vor der offenen Kühlschranktür, vom Licht erleuchtet wie von einer kleinen Offenbarung und fragt sich, was er eigentlich gesucht hat. War es der Hunger, der ihn trieb? Eher nicht. Vielleicht suchte er Gewissheit. Vielleicht Trost. Vielleicht nur Abkühlung. 

 

Die Welt ist groß, die Globalisierung komplex, der Humor notwendig – und irgendwo hinten links steht noch ein Joghurt, der uns daran erinnert, dass auch das Denken ein Ablaufdatum hat.

 

 

Text: Steffi Kürten
Foto: © stock.adobe.com

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