Sammeln heißt: Nein sagen

Die Arbeit oder Aufgaben in einem Museum sind nicht nur das, was man in der Ausstellung sieht. Was eine Museumsdirektorin wie Frau Professor Dr. Marion Ruisinger vom Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt zu tun hat, ist die Art von Arbeit, die quasi nicht sichtbar ist. 

Was genau ist das? Was darf man sich darunter vorstellen?

Also, der allerwichtigste Bereich, den wir hinter den Kulissen bespielen, das ist die Sammlung. Und die Sammlung ist das Rückgrat der Museumsarbeit. Sie befindet sich verborgen für die Öffentlichkeit im Depot, aber das heißt nicht, dass sie irgendwo geparkt oder totgestellt ist. Im Gegenteil, in die Sammlung fließt ganz viel unserer Arbeit ein.

Ihnen werden immer wieder Stücke oder private Sammlungen angeboten – und Sie müssen auch öfter NEIN sagen, gerade jetzt in Zeiten knapper Kassen. Ist das Segen oder Fluch?

Nein sagen ist die Grunddisziplin des Sammelns. Nein sagen gehört immer dazu, sonst wird aus der Sammlung ein Sammelsurium. Das heißt, in ei-nem Museum muss ich ganz klar sagen, was man sammeln möchte. Was sind die Sammlungsschwerpunkte? Welche Themen gehören in die Sammlung? Hauptaufgabe des Sammlungskonzepts ist es, zu definieren, was hinein gehört. Und damit definiere ich automatisch, was nicht zugefügt wird. Und der größte Teil auch der medizinischen Dingwelt gehört nicht rein. Man muss sich festlegen auf bestimmte Epochen, Themen oder Materialitäten, Objektarten, was auch immer. Ganz wichtig im Museum ist auch das Entsammeln von Dingen, die früher mal angenommen wurden, als eventuell das Profil der Sammlung noch nicht so geschärft war. Entsammeln heißt aber nicht wegwerfen, sondern eine bessere Heimat, eine bes-sere Sammlung für das Objekt finden. 

 

Das bedeutet, dass die Dinge auch katalogisiert werden? 

Wenn bei mir das Telefon klingelt, weil jemand einen Nachlass übergeben möchte, beginnt die Arbeit. Ich muss entschieden, ob es interessant für uns ist oder nicht. Wie ist der Erhaltungszustand? Gibt es eine interessante Kontextgeschichte? Denn auch die Geschichte um das Objekt herum, wer es verwendet hat, wann es verwendet wurde, ist für uns superwichtig. Wenn wir etwas übernehmen, muss man den Transport regeln. Dann muss es gereinigt, vielleicht sogar dekontaminiert, fotografiert, inventarisiert, archivgerecht verpackt und ein Stellplatz im Depot definiert werden. „Nein sagen“ kostet nichts. „Ja sagen“ kostet auch die nächsten Generationen, die sich um diese Sammlung kümmern werden, Zeit, Geld, Raum, Zuwendung, restauratorische Kontrolle. 

 

Gibt es Anfragen anderer Museen, ob dieses oder jenes Objekt in der Sammlung ist und ob man es sich ausleihen kann?

Ja, regelmäßig. Ich habe jetzt gerade wieder eine Leihanfrage unterschrieben vom Haus der Bayerischen Geschichte. Aktuell sind fast 30 Objekte von uns zum Thema „Sinne“ im Bezirksmuseum Dachau zu sehen. Wir haben gerade Leihgaben in Luxemburg, wir haben Dauerleihgaben in anderen Häusern. Das gehört zum Geschäft dazu und ist eine ganz wichtige Leistung unseres Hauses, dass wir ein Objekt (und das von uns mitgelieferte Fachwissen zu dem Objekt) anderen Häusern zur Verfügung stellen. Aber dafür muss es sichtbar sein. Was nicht sichtbar ist, was wir nicht in der Datenbank haben, können wir auch niemandem ausleihen.

 

Das Deutsche Museum der Medizin in Ingolstadt
© shutterstock.com

Das heißt, alles ist digitalisiert?

Alles – das wäre schön! Klassische Museumssammlungen sind nicht komplett inventarisiert. Das schafft keiner. Nur ein Teil unserer fast 50.000 Objekte ist in der Datenbank aufgenommen, mit Foto, mit Beschreibung, mit Maßen, mit Standortverzeichnis. Es gibt aber Highlights, die kann man nicht im Depot lassen, weil sie so einzigartig sind oder weil so viele Fördermittel hineingeflossen sind von unserem Förderverein oder von Spendern, dass wir in der Verpflichtung stehen, sie der Öffentlichkeit zu zeigen. Unser ältestes Objekt, das wir in der Dauerausstellung zeigen, ist der etruskische Terrakotta-Torso. Er stammt aus dem vierten Jahrhundert vor Christus, aus etruskischer Zeit. Zum Glück ist das Objekt konservatorisch unkompliziert. Terrakotta ist nicht lichtempfindlich und hält Temperaturschwankungen aus. 

 

Wie viele Menschen arbeiten hier im Museum?

Wir haben fünfeinhalb Vollzeitäquivalente, wobei diese zum Teil durch Teilzeitkräfte besetzt sind. Um eine Vorstellung zu
geben: Im Stellenplan stehen fünfeinhalb Stellen und bei der Weihnachtsfeier sitzen zwei Dutzend Menschen am Tisch. Ich lade immer auch die Guides ein, die freien Mit-arbeiter, die Aufsichten, die ja nicht in unseren Stellenplan gehören, sondern von der Museumsverwaltung organisiert werden. 

 

 

Museumsdirektorin Professor Dr. Marion Ruisinger © Christopher Beschnitt

 

Der Sparzwang schwebt über allem. Was passiert, wenn es nur noch drei Stellen gäbe? 

Wahrscheinlich kommt es darauf an, wie man Museum definiert. Wenn man auf den Bereich der öffentlichen Wirkung des Museums blickt, mit Veranstaltungen, Führungen, Ausstellungen und es super weiterlaufen soll, müsste alles hinter den Kulissen Laufende brachliegen. Das Museum läuft nach außen hin ganz nett weiter, aber das, was das Museum aus meiner Sicht eigentlich ausmacht, wird immer schwächer und tatsächlich gefährdet. Es können Schäden auftreten, die keiner sieht, zum Beispiel im Depot, wenn man es nicht regelmäßig betritt und die Objekte überprüft. Wenn ich andersherum spare, müsste ich das Museum zusperren. 

 

Wir versuchen natürlich, beides irgendwie am Laufen zu halten. Aber von unseren fünfeinhalb Stellen fällt Ende diesen Jahres eine halbe weg, nämlich die Inventarisierungskraft. Wir diskutieren jetzt seit Längerem darüber, wo man sparen kann. Und wir haben gespart, wo es einfach geht. Ein Jahr keine Sonderausstellung spart 100.000 Euro. Letztendlich geht es darum, den Mangel zu managen und mit noch mehr Kreativität an die Sache herangehen. Es ist eine Gratwanderung.

 

Bei eben dieser Gratwanderung ist das Format „ALLES MUSS RAUS!“ entstanden – eine witzige Ausstellung für kleines Geld, getragen vom Förderverein des Hauses. Prof. Ruisinger wird nicht müde zu betonen: „Wenn jemand unser Haus liebt, dann wird er Mitglied in der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt e.V.“

Alles muss raus! Körperliche Hinterlassenschaften. Jeden Monat neu! Diese Ein-Virtinen-Ausstellung schont Ressourcen und macht trotzdem Spaß. Hier werden witzige und überraschende Objekte aus der Sammlung präsentiert, die mit menschlichen Hinterlassenschaften zu tun haben. Schauen Sie vorbei, es lohnt sich! Für den Besuch der kleinen Sonderausstellung wird keine Eintrittskarte benötigt. Am Anfang eines jeden Monats wird die neu bestückte Vitrine in der Mittagsvisite vorgestellt.

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